20 Jahre Jumelage Dogern – Le Grand Lemps
Über die Zukunft dt.-frz.
Gemeindepartnerschaften
von Dr. Martin Kistler
Im kommenden Jahr feiern die Gemeinden Dogern und Le Grand Lemps
das 20jährige Bestehen ihrer Partnerschaft. Dieses Jubiläum ist nicht nur
Anlass zurückzuschauen, sondern fordert geradezu zwingend dazu auf, über die
zukünftigen Formen der Begegnungen der Menschen der beiden Partnergemeinden
nachzudenken. Befindet sich doch unsere Welt seit 1988 in einem
fortschreitenden politischen, wirtschaftlichen und religiösen
Veränderungsprozess, der Menschen begründet hoffen, aber auch bangen lässt.
Mit unseren französischen Nachbarn leben wir in Freundschaft in
einem gemeinsamen, nahezu grenzenlosen Europa und einer gemeinsamen und damit
verbindenden Währung. Wir sind glücklicherweise weit vorangekommen, nein, wir
sind am Ziel der visionären Überlegungen der damaligen Architekten des Hauses
der deutsch-französischen Freundschaft, die in der Aussöhnung zwischen
Deutschland und Frankreich die Grundlage für ein friedliches Europa sieht;
sicherlich auch ein Ergebnis der zahlreichen Gemeindepartnerschaften. Mit dem
nachlassenden Elan der Anfangszeit und dem altersbedingten Kürzertreten der
Protagonisten der ersten Stunden – stellvertretend für viele engagierte Frauen
und Männer seien hier die beiden Bürgermeister Karl-Heinz Wehrle und Henry
Arminjon genannt – hat nun auch Alltag in die Partnerschaft zwischen Dogern und
Le Grand Lemps Einzug gehalten.
Angesichts dieser Entwicklungen stellt sich berechtigt die Frage,
ob Gemeindepartnerschaften noch notwendige und zukunftsorientierte Modelle sein
können und ob insbesondere solche zwischen deutschen und französischen
Gemeinden in heutiger Zeit noch Sinn machen – sind die reichen europäischen
Länder nicht eher in der Pflicht zur wirtschaftlichen Unterstützung armer
Regionen in einer kleiner gewordenen Welt?
Begründen aber nicht auch gerade die geschilderten Entwicklungen
auch zukünftig die Berechtigung solcher Gemeindepartnerschaften und der dabei
entstehenden persönlichen Kontakte? Im Zeitalter der Globalisierung entstehen
zwar tagtäglich tausend-, vermutlich millionenfache neue globale Kontakte durch
die modernen Informationstechnologien. Aber wird durch die Möglichkeit
inflationärer Kontaktnahmen der Andere noch in seiner Individualität wahrgenommen? Eine boomende Tourismusbranche
bietet zum Schnäppchen-preis zu jeder Zeit jedes gewünschte Reiseziel – den Weg
zum anderen muss aber jeder selbst finden.
Hier bietet eine Partnerschaft zwischen zwei Gemeinden – eine
Jumelage – Individuen, Gruppen und Vereinen Möglichkeiten, dass durch die
Begegnung im Sinne des Wortes fremde Menschen zu Freunden werden und das
Gemeinsame trotz der am Anfang vielleicht hinderlichen Sprachbarriere entdecken
und erfahren, wie sie leben und was sie bewegt. Dabei wird man unabhängig von
der Einbindung in andere staatliche Systeme, einer fremden Sprache wohl zur
Erkenntnis gelangen können, dass alle Menschen von den gleichen Fragen
umgetrieben sind, von gleichen Freuden, Unsicherheiten und Sorgen in Beruf und
Familie erfüllt sind. Ein derartiges Verständnis füreinander wird unabdingbare
Voraussetzung auch für die weitere Entwicklung Europas in einer Welt sein, in
der partikulare Interessen zunehmend die Ideale des Citoyen, also des sich für
das Gemeinwohl verantwortlich fühlenden Bürgers, in den Hintergrund zu drängen
versuchen.
20 Jahre
Partnerschaft mit Le Grand Lemps bestätigen das Wort des jüdischen
Religionsphilosophen Martin Buber: „Alles menschliche Leben ist Begegnung“.
Dieser Satz
formuliert zugleich den Auftrag für die kommenden Jahre: Menschen für die immer
noch Grenzen überschreitende Begegnung zu begeistern.